Um es mal gleich vorwegzunehmen. Es folgt keine Rezension über Maria Svelands Roman „Bitterfotze“. Es folgen nur einige Gedanken, die mir beim Lesen kamen und mich etwas missmutig werden ließen.
Die ganze Anlage des Buches bereitete mir Schwierigkeiten. In dieser fiktionalen Geschichte wird man von Ereignissen nur so überschüttet, dass es schwer fällt, sie auf eine allgemeine Ebene zu heben. Davon ausgehend, dass der Roman den Leser anregen soll, über unsere „unvollkommene“ Wirklichkeit nachzudenken, wird uns mit der Wut, mit der die Autorin niederschrieb, eine emotionale Zielrichtung geradezu aufgedrungen. Und sicher, gäbe es in unserer Realität keine Entsprechung, würde diese Pfeilspitze an uns abprallen, und das Buch wäre in Schweden kein Bestseller geworden.
Zunächst war ich von der Rigorosität ihres Urteils beeindruckt. Die Fragestellung, inwieweit sich Geschlechtergleichheit und gleichberechtigte Partnerbeziehung in einer Gesellschaft bedingen, fand ich als Einstieg ebenso gut gewählt wie den historischen Vergleich mit Erica Jongs Turbulenzen bei der „Angst vorm Fliegen“, das natürlich gleich wehmütige Reminiszenzen hervorrief und auch einiges Erstaunen über die Sehnsüchte junger Frauen.
Meine Irritationen begannen mit den Schilderungen der Protagonistin über ihre Mutterschaft. Da wechselte der Roman in diese Art von Betroffenheitsliteratur, die einen ohnmächtig wie wütend werden lässt. Über die Gründe, warum der Ehemann die Protagonistin in einer zugegeben schweren Zeit zehn Wochen alleine lässt, kann man nur mutmaßen. Da weder geldliche Probleme noch berufliche Chancen dahintersteckten, sah es wie eine Flucht vor der Verantwortung aus. Und weil sie sich in individuelle Unzulänglichkeiten erschöpfen, kann man diesen von der Autorin persönlich erlebte und literarisch verarbeitete Fall nur als Degradierung empfinden, erst recht, als sie verallgemeinernd feststellt, dass Männer mehr oder weniger ausgeprägte egoistische Tendenzen in sich tragen. Sicher kann man darüber diskutieren und Frauen werden dies auch mit genügend Beispielen aus ihrem täglichen Leben unterlegen können, aber es handelte sich auch um eine persönliche Entscheidung, die aus einer privilegierten Stellung heraus geschah.
Etwas an individuelle Merkmale zu ketten, heißt, es in einer Beliebigkeit zu belassen, die jede Kraft zum weiteren Nachdenken nimmt. Dann bleibt es eine Greinerei, und wir Frauen können uns nur noch in den Armen liegen, voller Mitleid darüber, wie schlecht die Männerwelt mit uns verfährt.
Die Abhängigkeit der Frauen in der Ehe und in der Gesellschaft ist zuerst eine ökonomische. Und darin liegt auch der Lösungsansatz für ihre Beseitigung. Diese Überlegung hätte ich mir als eine Diskussionsgrundlage gewünscht. Die Protagonistin, die ja beruflich Journalistin ist, hätte es problematisieren können und die Autorin, die mit feministischem Auge sieht, hätte es müssen.
Will man Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herstellen, muss man mit einer Neuordnung der Arbeitswelt beginnen. Jeder Frau, die es wünscht, muss es ermöglicht werden, ihrem Beruf nachzugehen. Und damit meine ich nicht die Teilzeit-, Mini- oder Midijobs, die Frauen in ihrer Not aufgezwungen werden. Nur mit ausreichend bezahlten Jobs kann die ökonomische Abhängigkeit in der Ehe beseitigt werden. Und zumindest wäre jetzt in der Krise, im Zusammenbruch einer Werteordnung, der beste Zeitpunkt gekommen, diesen ganzen neoliberalen Mist, der die Menschen zwingt, sich dem Diktat der Wirtschaft zu unterwerfen, über den Haufen zu kippen. Es wäre an der Zeit, mit einer Umkehrung des Prinzips einem neuen Wertekanon Platz zu machen.
Was tun, wenn keine neuen Jobs in Sicht sind? Damit alle am Erwerbsleben teilhaben können, muss die Arbeit umverteilt werden, und das geht nur über eine Arbeitszeitverkürzung. Schon wenn Frauen wie Männer nicht mehr um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen, wird ein Teil der Spannungen aus der Familie genommen. Wir erinnern uns, dass das größte Armutsrisiko alleinerziehende Frauen besitzen, die bestraft werden, weil sie dem Arbeitsmarkt nicht uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Wie viel Anstrengungen gibt es, diese Frauen zu integrieren, damit sie erhobenen Hauptes durchs Leben gehen können? Denken wir an die vielen kinderlosen Frauen, die nicht kinderlos sind, weil sie sich keine Kinder wünschen.
Mit dem Appell der Protagonistin an die Frauen, selbstbewusster aufzutreten und sich von den Männern zu nehmen, was ihnen zusteht, wird überhaupt nichts passieren. Unter dem Slogan „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ ist noch nie ein Krieg verhindert worden. Solcherart Utopien halte ich für eine Verschwärmung wie eine Verkleisterung der Gegenwart.
Männerstrukturen sind Machtstrukturen. Zuvorderst Machtstrukturen. Müßig zu diskutieren, ob Frauen sich in gleichen Positionen ähnlich verhalten. Will man die Strukturen, muss man die Mechanismen der Macht aufzeigen. Zeigen, was sie aus Männern machen und wie Macht korrumpiert. Gezielte Analysen schärfen das Bewusstsein, mit dem wir aufbrechen können.
Selbstverständlich beklagt sich die Protagonistin über ihre Diskriminierung in der Arbeitswelt. Sie sieht, wie Männer eher von den Chefs ermuntert und gefördert werden und erkennt wohl, dass da Strukturen dahinterstehen. Aber Männerstrukturen?
Für unumstritten halte ich jedoch in unserer Gesellschaft die Definitionsmacht der Männer über Frauen, die auch im Buch schön veranschaulicht wird.
Welche Frau ist eine „Hure“? Jede Frau, die es mit mehreren Männern treibt. Und jede Frau, die von mehreren Männern vergewaltigt wird! „Weil die Grenze zwischen normalem Geschlechtsverkehr und Vergewaltigung minimal sein kann“, erklärt ein Journalist im Buch.
Nebenbei, was beichtet ein Arbeitskollege unserer Protagonistin: …ich war nie bei einer Prostituierten, wenn ich mit jemanden zusammen war. Ich war nie untreu… na, so ist es ja nicht, dass sie (thailändische Prostituierte) keine Lust haben…sie haben eine ganz andere Kultur, was die Dinge betrifft…
Das sind Bekenntnisse, die so entlarvend sind, dass sie keiner weiteren Kommentierung bedürfen. Und es ist so, was ich für eine Schwäche des Romans halte, ist zugleich auch seine Stärke. Wie an kleinen Alltagserlebnissen oder eingebrannten Bildern typisches Frauenverhalten gezeigt wird, wie die Antworten der Männer frauenfeindliches Verhalten offenbaren, das ist gut beobachtet und lässt auch Bitternis aufkommen.
Geschildert werden nicht nur die Erinnerung an die Mutter, die von den Kindern größtenteils mit dem Gesicht zur Spüle erlebt wird, sondern auch alltägliche Szenen, Kleinigkeiten, die die Herabwürdigungen von Frauen herausstellen z.B. als sich eine Frau auf den Hotelfrühstückstisch eine Tasse Kaffee hinstellt, bevor sie zum Büfett verschwindet und der nachfolgende Ehemann diese wie selbstverständlich für sich bestimmt. Sicher sollte man bedenken, dass sich Unterordnungsbeziehungen stabilisieren, weil Frauen auf Männererwartungen eingehen. Weil sie sich in einer Defensivposition bequem eingerichtet haben, kraftlos sind oder genügend Tricks besitzen, Verhalten von Männern zu steuern und sich so ihre Freiheiten einreden.
Aber in dem Maße, wie sich Abhängigkeiten von Frauen in der Gesellschaft reduzieren, und da bin ich wieder bei den ökonomischen, werden andere Rollenbilder entstehen und Kinder andere Mütter erleben. Und ich denke, dass KrimiautorInnen, die Verbrechen aus gesellschaftlichen Zuständen erklären wollen, gar nicht anders können, als mit einem geschärften Blick auf Geschlechterungerechtigkeit zu reagieren. Versöhnlichkeiten sind da fehl am Platz. Genauso fehl, wie uns die Autorin entlässt. Ihre Protagonistin mit einem neuen Kind im Bauch im weiteren Leben als halbbitterfotzig herumschleichen zu lassen, ist zwar ein schöner Romanschluss, wird dem Anliegen aber nicht gerecht.
Wie bitter ist die Bitterfotze? Nicht bitter genug.
Es genügt nicht zu würgen und es halb hinunterzuschlucken, man muss es herauskotzen. Alles. Immer.
Henny Hidden
Buchbesprechungen:
HEIDE OESTREICH in taz.de Keine Angst vor bitteren Lippen
DIRK KNIPPHALS in taz.de Fräuleinwunder war gestern
Anuschka Roshani in das magazin.ch Wie ich bitterfotzig wurde
Jens-Christian Rabe in sueddeutsche.de Die dumme Augustine (Gefällt mir)



